Peter's Friends

Freie Theatergruppe Berlin

Don Carlos

Der Infant von Spanien

nach Friedrich Schiller

Die Tasche des Grafen von Lerma

… spielt nicht wirklich eine große Rolle für das Verständnis von unserem Don Carlos. Und doch: Es ist auffällig, dass Lerma, als er dem jungen Prinzen als dritter, nach dem Herzog von Alba und Carlos’ Vater (König Phillip II) inständig bittet, das Land zu verlassen, ihm seine Tasche aufs ohnehin schon überbordende Gepäck legt, so als wolle er mit seiner letzten schmutzigen Aufgabe in diesem Stück seine Verantwortung für die Geschehnisse abgeben. Auch wenn der Revolutionär Posa ihm bescheinigt, dass er nicht lügen könne: Am Ende weiß auch der Graf von Lerma, auf welcher Seite sein Toast gebuttert ist. Nicht auf der Seite der Träumer und Revolutionäre.

Das dramatische Gedicht des Friedrich Schiller geht recht frei mit den historischen Fakten um, und doch sind fast alle Personen historisch. Der wirkliche Carlos war wahrscheinlich psychisch beeinträchtig oder retardiert; der schillersche (und der unsere) ist am Anfang vor allem verliebt – wie er vorgibt, in seine Stiefmutter, die Tochter des französischen Königs, die ihm als Braut versprochen war. Wir mutmaßen indes, dass er eigentlich vor allem in das Gefühl verliebt ist, verliebt zu sein. Er ist ein Träumer. Und unvorhersehbar. Ein großes Kind. Und vor allem ist er Opfer eines zu starken, abweisenden Vaters.

Philipp ist selber Opfer seines Vaters. Obwohl der große Karl V. vorzeitig abdankte und aus Resignation sein Reich zwischen seinen beiden Söhnen aufteilte, steht Philipp auch noch mit 60 im Schatten seines Vaters. Seine rigide Unterdrückungspolitik hat ihn bei seinen Völkern dies- und jenseits des Atlantiks nicht beliebt gemacht. Er selbst und seine Adlati – wie der gefürchtete Heerführer Alba (bei uns ein überforderter Verwaltungsbeamter) oder auch der Großinquisitor – zögern nicht einmal zuzugeben, dass die Ruhe des Reichs auf der Unterdrückung von Freiheit und Andersgläubigen und -denkenden beruht – eine Ehrlichkeit, die heute den wenigsten Law & Order-Politikern möglich ist. (Ob solcherlei realistisch ist, sei dahingestellt: Dass das Böse sich selbst als böse einzustufen in der Lage ist, ist wohl eine Frage, über die auch die Philosophen streiten.) Es ist nur zu natürlich, dass Philipp nachgibt und zugreift, als der Marquis von Posa erkennt, wie sehr sich der König nach menschlicher Wärme sehnt, und sich ihm deshalb mehr als schicklich annährt. Um ihm Gedankenfreiheit und Demokratie schmackhaft zu machen, malt jener ihm aus, wie entlastend es wäre, einer von vielen zu sein, als Mensch geliebt und begehrt zu werden und nicht der Herr über ein Reich zu sein, in dem die Sonne nie untergeht, gehasst, gefürchtet, verehrt, vergöttert – aber eben nicht mehr. Die junge Frau, die er (als seine dritte Ehefrau) seinem Sohne abspenstig gemacht hat, begehrt ihn, den gut dreißig Jahre älteren, nicht. Die Ehe scheint auf dem Tiefpunkt. Elisabeth wird am Hofe bewacht, wie eine Gefangene. Seine Höflinge, der ehrgeizige und eitle Fatzke Pater Domingo und der behäbige Alba, der immer eine Spur zu Dienst beflissene Graf Lerma und der Oberpostmeister Raimund von Taxis – sie alle dienen, doch wer hier schaltet und waltet und wer die Marionette ist, ist kaum auszumachen: Es ist kein Wunder, dass des Marquis ungestüme Ungebundenheit in diese Friedhofruhe (und es ist eher der Friedhof neben einem Staatsgefängnis als neben der Dorfaue) einbricht, wie ein helles Licht. Als Phillip erkennt, dass Posa auch ihn nur benutzt, ist das Attentat schneller durchgeführt, als der Marquis vorhergesehen. Einer, der nie jemandem vertrauen durfte, vertraute einmal – und wurde enttäuscht. Wir können sicher sein, dass Phillips Verbitterung am Ende des Stücks keine geringere geworden ist.

Der Marquis von Posa ist – um es ehrlich zu sagen – ein egoistisches, eitles Schwein. Gewiss hat er hehre Ideale – Demokratie, Gleichheit, Gedankenfreiheit – aber er geht über Leichen, um sie – wider bessere strategische Vernunft – durchsetzen zu wollen. Er gefällt sich zu sehr, in der Rolle des edlen Revolutionärs, als dass ihm abzunehmen ist, wirklich altruistisch zu handeln. Er flirtet mit König und Königin (die ihn, den sie aus ihrer Jugendzeit in Frankreich kennt, immer noch liebt) und spielt mit seinem Freund aus Kindestagen Carlos immer noch das gleiche Spiel wie damals – du bist der Königssohn, aber wenn du machst, was ich sage, spiel ich, dein Freund zu sein. Wie er wirklich ist, weiß niemand – es steht zu fürchten, auch er selbst nicht. Er ist ohne Zweifel mutig, hat auch schon in Gefahrensituation bestanden. Mit den zahlreichen Intrigen am Hofe aber spielt er ein gefährliches Spiel, pokert hoch und verliert höher. Dass er sich am Ende für Carlos und Elisabeth opfert, macht ihn nur ein wenig sympathischer – denn selbst dies muss er Carlos und Elisabeth höchst persönlich noch mitteilen. Tue Gutes, vor allem aber rede drüber.

Reden tut Don Carlos ja sehr viel – und er wechselt seine Meinungen im Sekundentakt. Fast glaubt man ihm ja, dass er sich selbst seine Begeisterung abnimmt, als ihn Elisabeth nach Überredung durch Posa den Floh ins Ohr setzt, das Heer seines Vaters in die flandrischen Provinzen zu führen, um des Aufstands der Flamen gegen die spanische Fremdherrschaft auf humanere Weise Herr zu werden, als es von dem eigentlich damit beauftragten Alba zu erwarten ist. Aber eben nur fast. Es ist, als würde seine Energie schon durch die körperliche Präsenz seines Vaters geschwächt werden. Er schafft es mit seinem Vater im Rücken, das Bonmot von den 23 Jahren „und nichts für die Unsterblichkeit getan“ in den Raum zu werfen, doch als sich Phillip ihm dann wieder nähert, bricht er in sich zusammen, verfällt wie des Öfteren davor und danach in ein infantiles Spiel mit seinen Habseligkeiten. Phillip verweigert ihm den Wunsch und zeiht ihn sogar sehr direkt umstürzlerischer Absichten („Mein bestes Kriegsheer deiner Herrschbegier? Das Messer meinem Mörder?“). Diese erste Begegnung der beiden als Erwachsene (und wahrscheinlich überhaupt) unter vier Augen zeigt uns deutlich an, dass Carlos gegen diesen Vater, wie schon dieser gegen seinen, keine Chance hat.

Die Königin ist – wie der Marquis und Carlos – ein Fremdkörper an diesem Hof. Sie ist Französin und erstickt in dem engen Korsett, dass ihr die Hofetikette aufzwängt. Selbst die Zeiten, zu denen sie ihre Tochter sehen darf, sind festgelegt und werden wie jeder Besuch, jede Begegnung überwacht von den Hofdamen, den Gräfinnen, die sich ihrer Aufgabe, die Fremde zu observieren, sehr wohl bewusst sind. Fast würde man an diesem Hof Überwachunsgkameras vermuten und sicher ist, dass hinter jeder Ecke und jedem Vorhang ein Späher und Lauscher steht. Dass jeder Brief immer schon von anderen gelesen wurde, versteht sich von selbst. Ein Lob übrigens an die ZuschauerIn, die den Überblick über die Briefe in diesem Stück nicht verliert.

Natürlich muss Elisabeth, die mit den Aufständlern in den Niederlanden mehr sympathisiert als mit ihrem Mann, dem Charme des Marquis erliegen, weil er mit seiner energiereichen Jungmännlichkeit aus den grauen, staubbedeckten Scheintoten an Phillips Hof heraussticht. Außerdem bringt er ihr ein Stück Frankreich nach Kastilien, ein Stück ihres Frankreichs, des verglichen mit Spanien aufgeklärten und toleranten Frankreichs. Wenn denn Elisabeth ihren Gatten hintergeht, dann nicht mit Carlos, wie ihr nachgesagt wird. Der Zweifel, der in des Königs Herz von seinen Höflingen gestreut wird, um die ungeliebte Französin abzuservieren und durch eine Spanierin zu ersetzen, ist von vorneherein absurd; die als Beweis gestohlenen Liebesbriefe stammen aus ihrer Verlobungszeit mit Carlos und dürften sich wie die Stilübungen eines 15jährigen lesen, der die Aufgabe bekommen hat, einen Liebesbrief zu schreiben, oder wie die Briefe einer routinierten Königstochter, die um ihr Schicksal weiß. Sie liebt Carlos nicht und hat ihn auch nie geliebt. Wenn sie ihm gegenüber so tut, als sei ihre Zurückhaltung ein Resultat ihres Schicksals, dem beide nicht entrinnen können, so schont sie ihn.

Geliebt wird Carlos von der Prinzessin von Eboli, die um der Staatsraison willen an einen reichen Händler verschachert werden soll. Was sie an diesem naiven Jüngling findet, liegt auf der Hand. In einer Welt, in der selbst das Lächeln Konvention ist und die „geheimen“ Avancen des Königs von seinen Höflingen überbracht werden, ist jemand, der sagt was er denkt, selbst wenn dies in einer Viertelstunde etwas anderes sein wird, unvorstellbar attraktiv. Und ein hübsches Kerlchen ist er ja in jedem Falle. Als Eboli auf das Gerücht um die Liäson zwischen Königin und Carlos hereinfällt, lässt sie sich willenlos als Spielball des Clownsduos Alba und Domingo missbrauchen. Am Ende verfällt sie dem Wahnsinn. (Einer mehr oder weniger, der ein bisschen ballaballa ist, fällt an diesem Orte kaum auf.)

Als Phillip am Anfang die Großen seines Reiches zählt, wird sich die ZuschauerIn ein Lachen kaum verkneifen können: handelt es sich doch samt und sonders um Schießbudenfiguren, den man nicht einmal für 5 Minuten seinen Kinderwagen anvertrauen würde. Dass man mit einer Ansammlung von Schießbudenfiguren die Welt in Angst und Schrecken versetzen kann, hat man in Deutschland vor 60 Jahren erlebt. Wieso sich Menschen von solchem Pack regieren lassen, bleibt ein Rätsel. Alba und Domingo jedenfalls sind ein echtes Clownsduo. Ein gefährliches und mächtiges. Der eine hypernervös, überfordert und immer seines „Beruhigunsgmittels“ bedürftig, der andere eitel und begierig, der erste spanische Kardinal zu werden. Sie werden die Intrige überleben, und auch wenn der König sie zwischenzeitlich hasst und auch erkennt, was für Schweine sie sind – am Ende werden sich alle wieder gut sein. Pack schlägt sich….

Als dann alle hunderttausend Briefe von allen gelesen wurden und eine der zahlreichen Intrigen auffliegt (witzigerweise auch eine fingierte), muss ein Schuldiger her – da Posa sich selbst dazu anbietet, weil er absichtlich einen hochverräterischen Brief an Wilhelm von Oranien in Taxis’ und damit Phillips Hände leitet, um von Carlos und Elisabeth abzulenken, ist er ein dankbarer Sündenbock. Die Hinrichtung erfolgt, da alle von ihr wissen, öffentlich. Spätestens nach diesem Mord an Marquis Posa muss der Hof den Prinzen loswerden, koste es, was es wolle. Er stört, ist im Wege, versteht nicht die Regeln am Hofe. Und er ist Sympathieträger beim Volk. So etwas kann nun wirklich keiner gebrauchen. Oderint, dum metuant. Mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten. Da Phillip schlecht seinen eigenen Sohn ermorden kann, bedient er sich des Großinquisitors, wird allerdings in seiner Sicherheit erschüttert, als dieser ihm freimütig eröffnet, schon lange von Posas Umsturzplänen zu wissen. Verglichen mit dem Kirchenmann, ist Phillip ein fühlender Mensch. Für die Inquistion sind Menschen nur Zahlen. Weil Carlos nicht freiwillig geht, wird er der Inquisition überliefert.

Am Ende liegen die im Verlauf des Stücks mehrfach besungenen Königskinder beide tot. Sind es Vater und Sohn oder Carlos und Posa oder Elisabeth und Posa oder Elisabeth und Carlos? In diesem Stück können fast alle zueinander nicht kommen. Alle sind gefangen und auf der Flucht zugleich. Die Koffer sind immer gepackt und dabei und enthalten viel geheimnisvolles, für den jeweiligen Taschenbesitzer Wichtiges. Lerma vertraut die seine dem „König seiner Kinder“ an. Dass es dazu nie kommen wird, weiß er schon zu dem Zeitpunkt der Übergabe. Nur Carlos kann ohne zu lügen sagen: „Dies sei mein letzter Betrug.“

Martin Haupt

  • Besetzung

    Philipp II., König von Spanien:
    Martin Haupt
    Elisabeth, seine Gemahlin:
    Ira Rosenberg
    Don Carlos, der Kronprinz:
    Robert Skwirblies
    Herzogin von Olivarez, Oberhofmeisterin:
    Juliane Lüdicke
    Marquisin von Modecar, Dame der Königin:
    Alma Saralic
    Prinzessin von Eboli, Dame der Königin:
    Sabrina Hirschfeld
    Marquis von Posa, ein Malteserritter:
    Moritz Friese
    Herzog von Alba:
    Alexander Seifert
    Graf von Lerma, Oberster der Leibwache:
    Julia Sauermann
    Don Raimond von Taxis, Oberpostmeister:
    Sebastian Bültmann
    Domingo, Beichtvater des Königs:
    Matthias Klesse
    Grossinquisitor des Königs:
    Christopher Anton
    Ein Page der Königin:
    Sebastian Bültmann

  • Daten

    Premiere: 30.10.2003
    Weitere Aufführungen:
    31.10./3./4.11.2003
    23./24./25. April 2004
    Strichfassung: Robert Skwirblies
    Plakatentwurf & Kostüme: Sabrina Hirschfeld, Matthias Klesse
    Programmgestaltung: Matthias Klesse
    Licht: Oliver Grützmann
    Musikalische Leitung: Christian Eulitz
    Spielleitung: Peter-Wolfgang Klammer

  • Bilder