Peter's Friends

Freie Theatergruppe Berlin

Ein Sommernachtstraum

nach William Shakespeare

Der Bauch des Elfenkönigs

Abgesehen davon, dass er einen Großteil unseres Plakats schmückt, hat Oberons Bauch auf den ersten Blick wenig mit dem ‚Sommernachtstraum‘ zu tun. Als Ort der Emotion oder (dicht dabei) der Irrationalität setzt er indes die Geschehnisse in Bewegung. Ob die zutiefst irrationale Eifersucht auf einen indischen Knaben oder andere Motive ihn zur unfairen Verzauberung seiner Frau treiben, ist noch zu klären, zu ihrer Entzauberung ist Eifersucht aber gewiss das dominierende Motiv. Was er sich als Scherz vorstellte: seine Frau in irgendeine Kreatur verliebt zu machen – und je hässlicher diese wäre, desto gelungener der Scherz – gerät ihm aus den Händen. Er erträgt nicht, dass sie sich in einen Esel verliebt, und bewahrt sein Gesicht nur, weil Titania, ihrer Bewusstheit beraubt, im Streit um den indischen Knaben nachgibt. Sonst müsste er das Experiment abbrechen. Du sollst, wen du liebst, nicht anderweitig verliebt machen, ist Oberons Lektion dieser Nacht.

Dass die Beiden ihren Streit auf dem Rücken von Menschen austragen (denn z.B. Zettels Verzauberung in einen Esel geschieht nicht wirklich freiwillig), ist zwar rücksichtslos, aber nicht neu, sondern gehört zum Kanon abendländischer Erklärungsmuster für Krieg und ähnliche Katastrophen: Würden Zeus und Hera sich besser verstehen, hätte Troja nicht zerstört und Rom nie gegründet werden müssen. Nicht ganz dreihundert Jahre nach Shakespeare verdanken wir den Weltuntergang (und sehr viel Lärm aus dem Orchestergraben) auch nur den Eheproblemen von Fricka und Wotan. Alle drei Paare haben das gleiche Problem: Treue (und einseitige Parteinahme für bestimmte Menschen). Bei Shakespeare ist das Treueproblem im Gegensatz zu Homer/Vergil und Wagner wie im wahren Leben kein allein männliches. Zu erörtern, warum den Dichtern zu Eheproblemen mehr einfällt als zu ökonomischen Konflikten, ist hier nicht der Ort, zumal unsere Zeiten ja dazu übergegangen sind, selbst die Politik durch Ökonomie zu ersetzen.

Auch wenn der Titel irre führt, die Nacht, um die es sich handelt, ist die Walpurgisnacht. Die Gesetze der Rationalität sind außer Kraft gesetzt. Es regieren die Hexen, Dämonen und nicht zuletzt: die Elfen. Gerade diese Nacht nun suchen sich Lysander und Hermia, die jugendlichen HeldInnen des Dramas (Wir wollen uns, solange es geht, um eine konkretere Genrebezeichnung drücken.) aus, um den patriarchalen Strukturen und Netzen ihrer Vaterstadt und ihrer Väter zu entfliehen: Egeus nämlich, Hermias Vater findet, dass Lysander der falsche Schwiegersohn ist und der Herrscher Theseus ordnet an, dass Hermias Eigensinn, auf Lysander zu bestehen, mit dem Kloster oder dem Tod zu bestrafen sei.

Eine Ausgangssituation wie geschaffen für eine Tragödie.

Etwa zeitgleich arbeitet Shakespeare tatsächlich an einer Tragödie: ‚Romeo und Julia‘. Oberflächlich betrachtet hat „Shakespeares erste bedeutende Tragödie“ wenig mit unserem doch so harmlosen (?) ‚Sommernachtstraum‘ gemein. Doch dies ist nur der Fall, weil Shakespeare nicht nur den Einbruch der Irrationaliät (wie Eifersucht, siehe ‚Othello‘, oder Zufall, siehe ‚Romeo und Julia‘), sondern auch irrationaler, aber denkender und bewusst handelnder Kräfte zulässt. Oberon will die närrisch verliebte Helena und Demetrius, der leider Hermia oder Egeus‘ Vermögen begehrt, aus dem Bauch heraus zusammenbringen. Er bedient sich dazu derselben attraktiv-euphorisierenden Droge, die er seiner Gattin verabreicht, damit sie sich in den Esel verliebt. Hätte Oberon kein Herz (oder besser: Bauch) für die Liebenden, entkämen Lysander und Hermia vielleicht, vielleicht würden sie aber auch gewaltsam getrennt und die Tragödie, in der die Liebenden eben nicht zusammen kommen können, weil äußere oder innere Kräfte dies verhindern, wäre vollendet. Fast scheitert Oberons Eingriff, weil sein Adlatus Droll die Athener verwechselt und Lysander in Helena verliebt macht. An dieser Stelle steht es auf der Kippe. Noch wäre eine Tragödie machbar. Lysander und Demetrius (den Oberon inzwischen auch „helenisiert“ hat) wären durchaus bereit sich um Helenas Willen die Schädel zu spalten. Nur Drolls Verwirrungskunst vereitelt dies, der Fehlzauber kann rückgängig gemacht werden, alles wird gut.

Dass Shakespeare mit dem Sommernachtstraum tatsächlich einen burlesk-antirealistischen Gegenentwurf zu ‚Romeo und Julia‘ vorgelegt hat, darauf weist noch etwas anderes hin: die Handwerkerszenen und ihr Stück. ‚Pyramus und Thisbe‘ aus Ovids Metamorphosen ist gleichsam die Rohfassung der Liebendentragödie an sich. Pyramus und Thisbe dürfen sich aufgrund der Feindschaft ihrer Eltern nicht lieben, verabreden sich daher heimlich. Thisbe kommt früher, ein Löwe erscheint, verjagt Thisbe, die ihr Gewand verliert. Das durch den Löwen zerzauste und blutbefleckte Gewand findet Pyramus, schließt etwas voreilig auf seiner Liebsten Tod und entleibt sich stante pede. Die im letzten Teil etwas absurd anmutende Geschichte wird von Shakespeare nun noch einmal verzerrt, weil die Handwerkertruppe des Peter Squenz leider gänzlich unfähig ist und eine Klamotte daraus macht. Das ist durchaus im Sinne Ovids, dem bei der Schilderung von Pyramus‘ Bluttat auch nur der geschmacklose Vergleich von Pyramus‘ Blutung mit einem platzenden Wasserrohr einfällt, und doch ist es nicht nur eine burleske Einlage, sondern ein Hinweis auf das tragische Potential der Liebe, die im ‚Sommernachtstraum‘ in verschiedener Gestalt auftaucht.

Lysander und Hermia lieben sich, aber wir wissen nicht, ob Hermia ihn vielleicht nicht nur liebt, weil sie sonst Demetrius nehmen müsste, er sie nicht nur, weil er glaubt, das gehört sich halt so, weil sie ihn liebt, wie sie sagt. Sagen wir Lysander und Hermia lieben die College-Liebe. Fürchterlich oberflächlich, aber sehr dekorativ. Helena liebt Demetrius mit der Liebe aller, die das Pech haben, von Natur aus auf Arschlöcher zu stehen. Aber zweifellos lieben beide Paare eine die Väterwelt irrational erschütternde Liebe. Vollkommen einem Einbruch der wahnhaften Irrationalität gleich kommt Titanias Liebe zu Zettel. Die Elfenkönigin verliebt sich unter völliger Selbstaufgabe in einen Esel (und das kann man ja, auf menschliche Verhältnisse transferiert, auch im übertragenen Sinne sehen). Ihren Ehemann liebt sie mit der Routine jahrhundertelangen Ehelebens, die Zärtlichkeit und Leidenschaft durchaus nicht ausschließt. Und auch sie weiß, dass Oberon der einzig ebenbürtige Partner auf der Welt für sie ist. Dieser wiederum ist grundsätzlich eifersüchtig. Ob er allerdings den indischen Knaben nur haben will, weil er niemanden duldet, der für Titanien wichtiger ist als er, scheint uns sehr fraglich. Auch das Alter des Knaben ist ungewiss. Könnten wir ihn uns sechszehnjährig denken, ist Oberon als ephebophiler Bisexueller noch halbwegs tragbar, wäre er (erheblich) jünger, können wir Oberons Leidenschaft für ihn vor dem StGB kaum retten. Und ob er ihn dann „nur“, sei es auch handgreiflich, „begehren“ würde, ist angesichts dessen, dass der Erlkönig und Oberon dieselbe Person sind, auch nicht sicher. Oberons Liebe zu dem Knaben ist eine heikle Angelegenheit: zwischen Sex mit Minderjährigen und Mord ist alles drin. Oberon täte besser daran, seine gleichgeschlechtlichen Neigungen mit Droll, seinem ohnehin sexuell nicht ausgefülltem Kammerdiener, auszuleben…

Tja, und das weltliche Herrscherpaar? Beide schon mal eine Etage höher verbandelt (sie mit Oberon, er mit Titania), haben sich schon vor dem Eheschluss nichts mehr zu sagen, ist doch die Länge von Jagdhundohren gewöhnlich nicht zuoberst auf der Liste der Gesprächsthemen Verliebter. Und Theseus hat Hippolyta durch Kampf gewonnen, erlegt könnte man sagen, wäre dies nicht als sexistisch interpretierbar. Sie ist ihm eine Nummer zu groß. Das ist dann die Liebe, die noch wachsen muss. Dass die beiden sich bei der Schlussparty durch ihre elfenhaften ExliebhaberInnen ablösen lassen, lässt immerhin hoffen.

Und dann ist da noch der namensgebende Traum. Wer träumt ihn eigentlich? Zettel, die Liebenden oder Sie als Zuschauer? Sind die Elfen Verästelungen unseres Unterbewusstseins, das tragische Verläufe unserer Leben etwas wirr zwar, aber am Ende doch wirkungsvoll, zu verhindern weiß? Oder sind sie die Akteure unserer Phantasien? Oder Schutzengel?

Auch bei unserer Aufführung bleiben am Ende fast alle Fragen offen. Bis auf eine:

Manchmal ist auch der Bauch des Elfenkönigs nur ein Bauch, wie andere Bäuche auch.

Martin Haupt

  • Besetzung I (Premiere 21.5.2002)

    Theseus, Herzog von Alba:
    Alexander Seifert
    Hippolyta, Königin der Amazonen:
    Katrin Schlenger
    Philostrat, Aufseher der Lustbarkeiten am Hofe des Theseus:
    Sabrina Hirschfeld
    Egeus, Vater der Hermia:
    Moritz Friese
    Hermia, Tochter des Egeus:
    Nina Thaler
    Lysander, Liebhaber der Hermia:
    Ronald Wolfgramm
    Demetrius, Liebhaber der Hermia:
    Matthias Klesse
    Helena, in Demetrius verliebt:
    Julia Sauermann
    Squenz, der Zimmermann:
    Moritz Friese
    Zettel, der Weber:
    Christopher Anton
    Flaut, der Bälgenflicker:
    Alexander Seifert
    Schlucker, die Schneiderin:
    Katrin Schlenger
    Schnauz, die Schreinerin:
    Anja Müller
    Schnock, der Kesselflicker:
    Benjamin Rewald
    Oberon, König der Elfen:
    Martin Haupt
    Titania, Königin der Elfen:
    Vivian Maempel
    Droll, ein Elfe:
    Sabrina Hirschfeld
    Elfen:
    Moritz Friese, Ilonka Reiner, Benjamin Rewald, Anja Müller

  • Besetzung II (Premiere 18.3.2002)

    Theseus, Herzog von Alba:
    Martin Haupt
    Hippolyta, Königin der Amazonen:
    Vivan Maempel
    Philostrat, Aufseher der Lustbarkeiten am Hofe des Theseus:
    Sabrina Hirschfeld
    Egeus, Vater der Hermia:
    Robert Skwirblies
    Hermia, Tochter des Egeus:
    Nina Thaler
    Lysander, Liebhaber der Hermia:
    Moritz Friese
    Demetrius, Liebhaber der Hermia:
    Matthias Klesse
    Helena, in Demetrius verliebt:
    Ira Rosenberg
    Squenz, der Zimmermann:
    Benjamin Rewald
    Zettel, der Weber:
    Christopher Anton
    Flaut, der Bälgenflicker:
    Alexander Seifert
    Schlucker, die Schneiderin:
    Anja Müller
    Schnauz, die Schreinerin:
    Sabine Hubatsch
    Schnock, der Kesselflicker:
    Rober Skwirblies
    Oberon, König der Elfen:
    Martin Haupt
    Titania, Königin der Elfen:
    Vivian Maempel
    Droll, ein Elfe:
    Sabrina Hirschfeld
    Elfen:
    Sabine Hubatsch, Robert Skwirblies, Benjamin Rewald, Anja Müller

  • Daten

    Licht: Oliver Grützmann
    Plakatentwurf: Matthias Klesse, Ilonka Reiner
    Musik: Azadeh Zandieh
    Kostüme: Matthias Klesse, Nina Thaler, Ensemble
    Programmgestaltung: Christopher Anton
    Spielleitung: Peter-Wolfgang Klammer

  • Bilder