nach Williams Shakespeare
Ein-Sichten
Ein wildes, wüstes Stück! Was tut der Mann? Was ficht ihn an? Da fragt der König von Britannien, der – einfach so – sein Reich aufteilen will, seine Töchter, wie sehr sie ihn lieben. Er stellt wirklich die verbotenste aller Fragen und bekommt zweimal die Antworten, die er verdient. Cordelia verweigert sich und wird verstoßen. Man merkt, hier gerät etwas aus den Fugen. “If the cat´s away, mice will play”, oder: Wenn der König schwach ist, geht der Staat zugrunde. “König Lear” ist die Beschreibung einer Auflösung. Die Mittelmäßigen, die Ehrgeizigen, die Schamlosen bemächtigen sich des Staates, der Welt. Keiner greift mehr ein, keiner ordnet mehr das Chaos, das immer mehr um sich greift. Hemmungslosigkeit und Brutalität herrschen. Der ehemalige Herrscher, der sich wollüstig und leichtfertig davongemacht hat, gefällt sich in Selbstmitleid. Am Ende stehen das Nichts, Zerfall und Tod. Von christlicher Erlösung ist das Stück weit entfernt.
Es ist eine Reise in das eigentlich Unsagbare, in Abgründe, in die wir uns zögernd wagen. Was bedeutet das Stück heute noch? Für uns? Es gibt noch die Lust am Untergang, am eigenen sowohl wie auch an dem des Gemeinwesens. Es gibt die Obszönität der eitlen Penetration des anderen. Den Todeswunsch…
Und dabei lächeln wir und lächeln, wie Hamlet sagt, und sind doch Schurken.
Peter Klammer
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