Das große Duidu
Für die meisten Menschen, die den Sommer auf dem Landgut des Pjotr Nikoajewitsch Sorin gleichzeitig, wenn auch nur sehr eingeschränkt gemeinsam verbringen, ist eigentlich alles schon vorbei: Vergangenheit als durch die Musik vergangener Tage melancholisch-rührselig heraufbeschworene Erinnerung an die besseren Zeiten mit wilderen Parties und heißeren Flirts, schöneren Frauen und attraktiveren Männern. „Brüderlein und Schwesterlein, lasst das traute ,du’ uns schenken, für die Ewigkeit, immer so wie heut, wenn wir morgen noch dran denken! Erst ein Kuss, dann ein du. Du, du, du immerzu!“
15 Jahre soll es her sein, dass solche Parties am See jeden Tag gefeiert wurden und der strahlende Held aller sechs Güter rund um den See der einzig brauchbare Frauenarzt der Gegend war (ein Schelm, der böses dabei denkt!): Jewgeni Sergejewitsch Dorn. Wenn wir ihm begegnen ist er 55, Junggeselle, kahlköpfig und immer noch gekleidet, als würde die Party gleich beginnen. Wie ein gut geübtes Ritual wirkt sein Dauerflirt mit Polina Andrejewna, der Frau des Gutsverwalters, Ilja Afanssjewitsch Schamrajew, deren Nähe er aber in Gegenwart anderer hastig vermeidet – was er nicht müsste.
Schamrajew lebt in seiner eigenen Welt, und wenn er nicht seinen Arbeitgeber Sorin terrorisiert, erzählt er die ewig gleichen Bühnenanekdötchen, die er schon seit 15 Jahren erzählt, ohne auch nur mitzubekommen, dass ihm niemand zuhört. Polina Andrejewna hält seine Rohheit nur schwer aus und würde gern mit Dorn durchbrennen – aber dafür ist es zu spät (sagt er: ob er sich nur einfach nicht festlegen will? Es laufen ja viele hübsche Menschenkinder beiderlei Geschlechts herum.). Sie führt den Haushalt – oder sagen wir: Sie tut jedenfalls so, sie hat ja Jakowa, das wortkarge Stubenmädchen und ihre Tochter: Marja Iljitschnaja, genannt Mascha.
Mascha säuft. Sie ist nicht die einzige, aber sie tut es am auffälligsten. Und sie ist verliebt – leider nicht in Semjon Semjonowitsch Medwedenko, ihren späteren Mann, das arme Lehrerlein, der sie heiß und innig liebt, und nichts hat außer seiner Liebe. Er ist der uninvited guest, der immer da ist, aber nie vermisst würde und aus der Ankündigung, er gehe jetzt die sechs Werst (6,4 km) zu Fuß nach Hause seltsamer Weise niemals eine Tat macht. Mascha heiratet ihn in den Zwei Jahren, die zwischen dem dritten und vierten Akt vergehen, nur um die große Liebe zu vergessen: Und damit verlassen wir den Kreis der Hintergrundfiguren dieses Biotops menschlicher Einsamkeit am See.
Konstantin Gawrilowitsch Treplew kann tragischerweise Mascha nicht leiden (obwohl dadurch fast allen außer Medwedenko viel Leid erspart würde). Er liebt Nina Michailowna Saretschnaja, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Und er kann sie dafür gewinnen, sein Theaterstück auf einer kleinen Bretterbühne im Garten des Onkels Sorin am See uraufzuführen – das Stück, mit dem er das Theater revolutionieren wird. Unter den Gästen sind neben seiner Mutter, der berühmten Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina auch deren Liebhaber, der berühmte Schriftsteller Boris Alexejewitsch Trigorin. Und damit beginnt das ganze Schlamassel, welches sich in Kindlers Neuem Literaturlexikon (1988, Band 3, S. 755) wie folgt liest:
„Das Stück spielt auf dem Landgut einer alternden Schauspielerin. Ihr Freund, der berühmte Schriftsteller Trigorin, begegnet dort der jungen, zur Frau erblühten Nina. Die beiden verlieben sich ineinander, und Nina reist dem Schriftsteller in die Stadt nach; sie wird Schauspielerin, allerdings eine schlechte, bekommt ein Kind von Trigorin und wird bald von ihm verlassen und vergessen. Zwei Jahre später versammelt sich die gleiche Gesellschaft wiederum auf dem Landgut – nur Nina fehlt. Während die Gäste sich angestrengt die Zeit vertreiben, fällt im Nebenzimmer ein Schuß; der Sohn der Hausherrin, Treplew, hat Selbstmord begangen. Nina war, von keinem der Gäste bemerkt, in sein Zimmer eingedrungen, und Treplew hatte geglaubt, nun endlich werde ihre einst von Trigorin zerstörte Jugendliebe ihre Erfüllung finden. Nina kam nicht zu ihm. Die Nähe des unvergessenen Trigorin hatte sie angezogen. Heimlich wie sie gekommen ist, verließ sie das Haus wieder, und Treplew griff zur Waffe.“
Die arme Nina ist, als sie Trigorin verfällt, ein junges, naives Ding, mit einer geradezu lächerlichen Hörigkeit gegenüber Berühmtheiten und einer gewissen Unbedarftheit gegenüber Männern, Liebe und Sex. Als sich Treplew ihr vor Beginn der Theateraufführung nähert, scheint sie nicht wirklich zu verstehen, was er von ihr will, und ihre Ehrfurcht vor dem etwas betulich-blasiert wirkendem Hobbyangler Trigorin (der keineswegs der lamoyante Verführer ist, als der er in der kindlerschen Inhaltsangabe sein will) ist ebenso lächerlich wie ihre Parteinahme für die Arkadina in einem Streit mit Schamrajew, wo sie sich zu dem Satz versteigt, alle Wünsche der berühmten Schauspielerin seien hundertmal wichtiger, als die gesamte Landwirtschaft. Und dennoch hat auch sie lichte Momente, in denen sie über das unverschämt alltäglich-menschliche Verhalten der Prominenz verzweifelt, allerdings ohne ihre Haltung zur Berühmtheit zu hinterfragen.
Ob Treplew tatsächlich das Theater erneuern könnte oder ob er, wie seine Mutter in ihrer kaum nachahmbar ichzentrierten Art diagnostiziert, nur ein eingebildeter Dreikäsehoch ist, dessen Ambitionen im Grunde nur dazu da sind, seine Mutter zu ärgern, muss offen bleiben. Die Theateraufführung am Anfang jedenfalls, die er, beleidigt durch die Kommentare seiner Zuschauerinnen und Zuschauern, abbricht, ist tatsächlich sehr außergewöhnlich, allerdings auch fürchterlich lächerlich, wodurch sie viel mit ihrem Schöpfer gemein hat. Treplews Verhalten oszilliert zwischen egozentrisch-energischer Cholerik und kleinkindhaftem Muttersöhnchentum. Er schießt aus Langeweile eine Möwe und legt sie Nina zu Füßen mit der (ex post unheimlichen) Prophezeiung, nicht mehr lange, und er werde sich genauso abschießen. Kurze Zeit später verpasst er sich tatsächlich einen Streifschuss am Kopf und fordert Trigorin zum Duell, was die Arkadina dazu bringt, die schon einmal verschobene Abreise endlich zu bewerkstelligen.
Die geschossene Möwe veranlasst Trigorin zum Entwurf einer Erzählung, die sich später in Ninas Geschichte erfüllen wird: „junges Mädchen, das an einem See groß wird. Frei wie eine Möwe. Zufällig kommt ein Mann an diesen See, sieht das Mädchen und vernichtet sie. Nur so. Ohne besonderen Grund. Wie diese Möwe hier.“
Trotz dieser Warnung – wenn es denn eine ist, wahrscheinlich ist Trigorins Unterbewusstsein nur viel schneller als sein ohnehin nicht besonders clever wirkender Besitzer – und obwohl sich Trigorin in einem langen Monolog selbst als innerlich gehetzt und unglücklich demaskiert und dazu noch seine gesamte Schriftstellerei als Ausbeutung seiner Träume und Auswringung seiner Gefühle bezeichnet, folgt Nina ihm nach Moskau. Ihre Affinitätzu Berühmtheiten und ihr Wunsch nach orkanartiger Anerkennung werden ihr zum Verhängnis werden. Dass sie von diesem Mann kein Glück zu erwarten hat, würde ihr der gesunde Menschenverstand einer jeden Zuschauerin sagen, wenn sie diese befragen würde.
Arkadina hat den Unterschied zwischen Realität und Bühne lange schon vergessen, und gestaltet daher auch ihr Privatleben wie die Inszenierung eines Stücks, in dem sie selbstverständlich die Hauptrolle spielt. Sie ist es gewohnt, im mittelpunktzu stehen und erwartet eigentlich für jede Bewegung, jede Geste, jede hingeworfene Nichtigkeit Applaus. Dass sie auch in den zwei Jahren, in denen ihrem Sohn tatsächlich eine gewisse literarische Anerkennung zu Teil wurde, keine Zeile von ihm gelesen hat, ist ein guter Beleg für die These ihres Sohnes, dass sie Angst davor hat, bald ins Mutterfach wechseln zu müssen – etwas, was sie auch privat erfolgreich verschiebt. Als Trigorin sie wegen Nina verlassen will, erleben wir zum ersten Mal eine echte und authentische Gefühlsregung – er sei doch die letzte Seite, die sie im Buch ihre Lebens aufschlage. Sie wirft all ihren sex appeal in die Waagschale und für einen kurzen Augenblick scheint es, als habe sie tatsächlich gegen die Jüngere gewonnen. Doch es ist ein Pyrrussieg.
Das unserem „Zwischenfall am See“ zugrunde liegende Theaterstück „Tschajka“ („Die Möwe“) von Anton Tschechow, 1896 in Petersburg uraufgeführt, hat seine Schöpfer in England und Amerika das Eigenschaftswort „checovian“ eingebracht, womit die niederdrückende, melancholische und unendlich monotone Grundstimmung dieses Stücks (und auch anderer Stücke Tschechows) gemeint ist. „Das Stück lebt also nicht von seiner Fabel, und es empfängt seine dramatischen Impulse nicht von der Handlung, sondern allein vom gesprochenen Wort, der ausgesprochenen, verzögerten oder zurückgehaltenen Replik, von der Pause, von der Stimmung und Melodie, dem subtilen Nebeneinander der Dialoge, den verschwommenen Konturen der einzelnen Charaktere [..]“ (wiederum Kindler, s.o). Wir hoffen inständig, dass „die Langeweile, das tödlich nivellierende Gleichmaß des Alltags, die Wiederholung der sinnlosen Phrase“ (dito) halt macht vor dem Zuschauerraum und Sorin der einzige ist, der gelegentlich einschläft.
Das von Stanislawskis Musterinszenierung von 1898 geprägte Verständnis des Stücks als Stimmungsdrama wird konterkariert von Tschechows eigener Genrebezeichnung als Komödie. Wir möchten diese beinahe verschärfen: Uns gibt die Vorlage Gelegenheit für Klamotte und Slapstick.
Die stets gleiche Anekdötchen des Schamrajews haben das Potential zum Schenkelklopfer und der sich ewig wiederholende Streit zwischen Dorn und Sorin über die richtige Behandlung von Sorins (Lebens-)Müdigkeit erinnern an die Sonnyboys. Vielleicht müssten die beiden einfach nur mal steppen und es ginge ihnen beiden besser. Das Leherlein möchte man eigentlich nur knuddeln, so herrlich unbeholfen probiert es, gelegentlich zu Wort zu kommen.
Wir lernen (und kennen das alle von eigenen Familientreffen), dass es ungemein anstrengend ist, die Zeit totzuschlagen, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat. Alle Beteiligten liefern sich Scheingefechte, weil sich keine und keiner traut, die wirklichen Abneigungen und Befindlichkeiten aufs Tapet zu bringen, um die schöne Stimmung nicht zu vermiesen.
Wenn wir unsere Sommerfrischler im Dunkeln zurücklassen, um als Darsteller im Hellen hoffentlich den Applaus entgegenzunehmen, bleibt offen, wie viele Lügen eigentlich alle einander aufgetischt haben. War Schamrajew wirklich damals im Theater, oder kennt er es nur aus den Erzählungen der zahlreichen Freudenmädchen, bei denen er Sorins Geld verprasst hat? War Dorn wirklich jemals der Frauenheld, als der er sich feiern lässt und in wessen Taschen ist sein Erspartes gelandet? Kann sich Trigorin wirklich nicht mehr an die geschossene Möwe (und womöglich auch an Nina) erinnern?
Der amerikanische Lyriker Robert Allen Zimmermann würde unserer Nina wohl als Abschied an Trigorin die Worte „Don´t think twice, it´s alright“ in den Mund legen und Treplew mit den Worten „It´s alright Ma, I´m only dying“ sterben lassen. Die Erfahrungen des Monsters Mensch sind halt überall und immer schon die gleichen.
Martin Haupt
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